
An einer Glasfassade lässt sich kein Gerüst verankern. Wie wir einen gläsernen Turm in Köln-Godorf allseitig freistehend eingerüstet haben — und was das für Höhe, Aussteifung und Platzbedarf bedeutet.
An der Godorfer Hauptstraße im Kölner Süden, zwischen Godorfer Hafen und dem IKEA-Gelände, steht ein gläserner Turm: rundum verglast, dahinter eine sichtbare Stahlkonstruktion, oben ein weit auskragendes Dach. Die Glasflächen dieses Turms sollten foliert werden. Dafür braucht es ein Gerüst — und genau dort fing die eigentliche Aufgabe an.
An einer Glasfassade lässt sich ein Gerüst nicht verankern. Kein Dübel, kein Ringösenanker, nichts, was Kräfte in die Fläche einleitet. Wir haben den Turm deshalb allseitig freistehend eingerüstet: alle vier Seiten, rund 12 Meter Arbeitshöhe, Modulgerüst der Lastklasse 3 — gehalten nicht von der Fassade, sondern von sich selbst.

Bei einem normalen Fassadengerüst sitzt alle paar Meter ein Anker in der Wand. Dieser Anker sieht nach wenig aus, macht aber die halbe Statik: Er nimmt die waagerechten Kräfte auf — vor allem Wind, der das Gerüst gegen das Gebäude drückt oder von ihm wegzieht — und er hält die Gerüststiele in ihrer Lage.
Eine Glasfassade kann das nicht leisten. Die Scheibe ist eine Ausfachung, kein tragendes Bauteil; die Lasten müssten an Punkten eingeleitet werden, die dafür nie gerechnet wurden. Deshalb steht in solchen Fällen schon im Angebot der Satz, der alles Weitere bestimmt: eine Verankerung in der Glasfassade ist nicht möglich. Was danach kommt, ist kein Standardgerüst mehr, sondern eine Sonderkonstruktion.
Fällt der Anker weg, muss die Konstruktion die waagerechten Kräfte selbst abtragen. Dafür gibt es im Gerüstbau im Wesentlichen drei Wege, die sich kombinieren lassen:
Hier kam ein vierter Punkt dazu, der den Turm zu einem dankbaren Objekt macht: Wer ein freistehendes Bauwerk rundum einrüstet, bekommt einen geschlossenen Ring. Die vier Gerüstseiten steifen sich gegenseitig aus — was bei einer einzelnen Gerüstreihe vor einer geraden Wand nicht geht. Ausgeführt wurde deshalb freistehend mit gegenseitiger Aussteifung und Abstützung in den Boden, nach DIN 4420 Teil 1 und DIN EN 12811-1.

Wo eine punktuelle Anbindung nötig war, ging sie an die Stahlstützen des Turms — mit Rohrkupplungen und untergelegtem Kantenschutz, damit die beschichteten Profile keinen Schaden nehmen. In die Glasflächen wurde nichts eingeleitet.

Das ist die Frage, die uns dazu am häufigsten gestellt wird — und die ehrliche Antwort lautet: Für ein freistehendes Modulgerüst gibt es keine pauschale Zahl. Maßgeblich sind das Verhältnis von Höhe zur kleinsten Grundseitenlänge, die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Systems und der objektbezogene Standsicherheitsnachweis. Erst der sagt, wie hoch die Konstruktion an dieser Stelle, mit dieser Grundfläche, mit dieser Abstützung und diesem Ballast stehen darf.
Die Zahlen 12 Meter und 20 Meter, die im Netz dazu kursieren, gehören zu etwas anderem: Sie stammen aus der Norm für fahrbare Arbeitsbühnen (Rollgerüste) und begrenzen deren Aufbauhöhe im Freien beziehungsweise in geschlossenen Räumen. Auf ein freistehendes Modul- oder Fassadengerüst lassen sie sich nicht übertragen. Wer Ihnen für Ihr Objekt eine Höhe nennt, ohne die Grundfläche gesehen zu haben, rät.
Ein freistehendes Gerüst braucht Platz, den ein verankertes nicht braucht. Die Abspreizungen laufen schräg nach außen in den Boden, der Fußbereich muss tragfähig und zugänglich sein. In diesem Fall waren rund fünf Meter freie Fläche rund um den Turm Voraussetzung — vor Angebotsabgabe festgehalten, nicht erst auf der Baustelle entdeckt.
Das ist der Punkt, an dem solche Projekte üblicherweise kippen: Wenn direkt neben dem Bauwerk geparkt, gelagert oder gefahren wird, ist die freistehende Variante entweder teurer oder gar nicht möglich. Deshalb sehen wir uns solche Objekte vorher an.

Aufgebaut wurde in fünf Einsätzen ab dem 2. September 2026, überwiegend von einer Kolonne in Stärke von zwei bis drei Mann. Am 11. September kam ein Umbau dazu, weil die oberste Gerüstlage unterhalb des auskragenden Dachs liegen musste — nur so ist die oberste Glasreihe für die Folierung erreichbar. Nach Abschluss der Arbeiten folgte am 14. September der Teilabbau, am 19. September der Rest.
Dass sich ein Gerüst über mehrere Einsätze aufbaut, ist bei Sonderkonstruktionen die Regel und kein Zeichen von Verzögerung: Jede Lage will ausgesteift, jede Abstützung will gesetzt und kontrolliert sein, bevor die nächste Ebene darauf kommt.

Von unserem Hof in Niederkassel bis zur Godorfer Hauptstraße sind es rund 31 Kilometer, gut eine halbe Stunde. Der Kölner Süden gehört für uns zum täglichen Einsatzgebiet: Godorf, Sürth, Rodenkirchen, Meschenich, dazu Wesseling und auf der anderen Rheinseite Porz.
Bei einer Sonderkonstruktion ist diese Entfernung kein Marketingargument, sondern ein Planungsfaktor. Wenn beim Aufbau eine Abstützung anders gesetzt werden muss oder für den Umbau unter dem Dachüberstand kurzfristig anderes Material gebraucht wird, entscheidet der Weg zum eigenen Lager darüber, ob das am selben Tag passiert oder in der nächsten Woche.
Immer dann, wenn das Bauwerk die Ankerkräfte nicht aufnehmen kann oder nicht aufnehmen darf. In der Praxis sind das vor allem: Glasfassaden und Vorhangfassaden, denkmalgeschützte Bauteile, frisch gedämmte oder noch nicht tragfähige Fassaden, freistehende Bauwerke wie Türme, Werbeanlagen, Silos und Schornsteine — und Gerüste in Innenräumen, wo es schlicht nichts zum Verankern gibt.
Ob das in Ihrem Fall geht und wie hoch es gehen darf, lässt sich nicht am Telefon entscheiden. Wir sehen uns das Objekt an, prüfen die Aufstandsfläche und rechnen die Statik objektbezogen. Mehr zu unseren Konstruktionen außerhalb des Standards finden Sie unter Sonderkonstruktion und Industriegerüstbau; einen Überblick über die gängigen Bauarten gibt unser Beitrag Welche Gerüstarten gibt es?
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